Schoen entschleunigen

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Eine Tempo-30-Zone ist ein Bereich des öffentlichen Straßenverkehrs, innerhalb dessen sich Fahrzeuge schön mit einer Geschwindigkeit von 30 (ausgeschrieben: „dreißig“) Stundenkilometern zu bewegen haben. Zonen dieser Art dienen der Verkehrsberuhigung. Wenig überraschender Weise sind sie daher oft in Wohngebieten anzutreffen. So auch in unserem, hier im schönen Köln-Mülheim.

Die verkehrsberuhigende Maßnahme vor unserer Haustür zeichnet sich allerdings höchst beunruhigender Weise dadurch aus, dass die schönen neuen Zebra- nicht selten unter wabernden Kondensstreifen verschwinden. In der Deutz-Mülheimer Straße werden Geschwindigkeiten erreicht, die der aktuelle Bußgeldkatalog für 30er Zonen nicht einmal mehr berücksichtigt. Wie könnte er auch? Ähnliche Werte gibt es sonst nur in der Raumfahrt – sicherheitshalber nur in der unbemannten.

Auf dem gemeinsamen Weg zur Kita, im Riesenslalom um die Kölner Klein-, Groß- und Mega-Baustellen, gehören die aufgemotzten, dröhnenden Boliden somit für unseren Sohn und mich zum allmorgendlichen Rennsportprogramm.

Wir schauen schön links. Wir schauen schön rechts. Wir schauen schön links.

Gerade will ich, in schiebender Manier die Hände am Lenker meines Fahrrads, letzteres bemannt vom Sohnemann, todesmutig den Fuß auf die Fahrbahn setzen, da werden jäh Motorengeräusche laut, die die Abwesenheit einer Schalldämpferanlage nahelegen. Ein getunter BMW 3er älteren Baujahrs, gnadenlos tiefer gelegt – der adoleszente Fahrer müsste eigentlich längst mit dem Arsch die Fahrbahn abfräsen – beschleunigt noch einmal, als er an uns vorbeirauscht. Im letzten Moment weichen wir zurück, stellen uns neu auf und dabei wieder einmal fest, dass der Baustellenzebrastreifen die Farbe nicht wert ist, mit der er auf den Rennasphalt gepinselt wurde.

Die Fahrerin des roten Fiat 500 auf der Gegenfahrbahn wartet geduldig. Unsere Blicke treffen sich. Die junge Frau teilt offensichtlich meinen Schock und lächelt verständnisvoll – ich lächle zurück und will unseren Weg fortsetzen.

Wir schauen schön links. Wir schauen schön rechts. Wir schauen schön links. Wir schauen schön dumm aus der Wäsche.

Denn keine zwei Herzschläge später spüre ich auch schon den heißen Fahrtwind einer schweren Suzuki in meinem Gesicht, die in diesem Moment direkt vor uns geräuschvoll die Schallmauer zu durchbrechen versucht. Der Fahrer, versteckt unter einem rotem Helm mit dunklem Sichtschutz, möchte dabei schön das Profil seines Vorderreifens schonen und lässt das Rad daher so selten es eben geht den Boden berühren.

Geschwindigkeiten, bei denen sich ein bei einem illegalen Autorennen aus der Spur geworfener gepimpter Personenkraftwagen zwischen den Häusern der Deutz-Mühlheimer auf unserer Höhe in etwa so verhalten würde, wie die Kugel in einem Flipperautomaten. Und da möchte man als Fußgänger lieber weit weg sein. Aber mal so richtig schön weit weg! Kein schönes Gefühl, gerade mit dem fünfjährigen Filius neben sich auf dem Rad. Da wird es einem dann langsam zu bunt. Mehr noch: Da wird man immer schneller ganz schön wütend, ja man möchte fast sagen rasend!

„Das waren nicht mehr als 30! Ehrenwort! Naja, und da hat es mich halt aus der Kurve getragen…“

Laut psychologischer Gutachten sind die meisten Raser männlich und jung. Da fehlt es oft ganz schön an Empathie und Einfühlungsvermögen. Letzteres erklärt dann wohl auch schön mein ganz persönliches, leidlich empathisches – geschweige denn einfühlendes und somit eher problematisches Verhältnis gegenüber tiefer gelegten jungen Männern mit Bedarf an psychologischen Gutachten.

Wo wollen diese Typen nur alle so schnell hin? Zum Teufel?! Bitte schön! Dahingehende Wünsche der Anwohner sind ihnen sicher…